Skip to main content
08.06.2016: Dichtestress
 
Wie jedes Mal wenn ich mich mit dem Auto dem Grossraum Zürich nähere, steigt mein Puls etwas an und die Augen kneifen sich ein wenig zusammen. Der Verkehr wird merklich dichter und die Fahrweise aggressiver. Spätestens ab Thalwil, Zürich Westumfahrung und erst recht Richtung Spreitenbach – Baden ist der Teufel los. Dicht an dicht jage ich im Verkehrsstrudel dahin. Nichts mit zwei Sekunden Abstand. Die Lücke ist innerhalb einem Wimpernschlag schon wieder mit zwei drei Autos gefüllt. Nun beginnt auch noch die Handorgelei – nein, nichts mit Musik - das ständige Gasgeben und Bremsen. Damals vor gut zwanzig Jahren zwischen Zürich und Bern – nach einem halben Jahr in Canada/Alaska – dachte ich schon, es sei jetzt dann wirklich langsam genug! Aber parallel zur Taktfrequenz unserer Computer erhöht sich auch der Puls der Zuvilisation. Fortschritt wohin? – fort vom beschaulichen, überlegten Leben.

Auch als Zugfahrer wird der freie Platz immer weniger. Einmal ein Sitzplatz ergattert ist dann wenigstens eine Stunde Ruhe. Zeit seine Gedanken schweifen zu lassen, um den nächsten Unterbruch im Alltragstrott zu planen. Schauen, damit es ein Aufbruch wird, wir nicht unter die Räder kommen, sonst bleibt nur der Abbruch. Hoffentlich wird es aber ein Durchbruch zu neuer Freiheit. Alles im Umbruch – was schreib ich für einen Bruch? Vielleicht hat der Dichtestress meine Birne schon weichgeklopft. Wichtiger Evolutionsschritt: im Zickzack-Hickhack immer schön locker und smooth(y) bleiben!

Aber auch in der vermeintlich freien Wildbahn lauert die Verdichtung. So erlebt auf der Skitour zum Piz Sesvenna. Vollbelegte Hütte und dann am Morgen kein Wasser auf den Toiletten – nota bene keine Plumpskloos. Mir stinkt‘s, nicht nur weil  draussen der Nebel um die Hütte schleicht und der Himmel darüber blau macht.

Auf Mountainbike-Tour im Appenzellerland wundern wir uns, warum uns nicht mehr Biker begegnen in diesem wunderschönen, hügeligen Gebiet – eigentlich prädestiniert zum Bergveloerlebnis. Ahaa disziplinenüberschreitender Dichtestress. Appenzellerland ist eben Wanderland bekommen wir mit vorwurfsvollen Blicken zu spüren. Und wenigstens macht der Himmel wieder blau, heute jedoch mit dicht an dicht fliegenden Gleitschirmen.

Und in noch einen Pulk sind wir kürzlich ahnungslos hineingeradelt. Die ganze Südostschweiz tummelt sich im slow up Werdenberg; nur wir landen mitten in einem Hündelerevent entlang der ruhiger geglaubten Seezseite, weil Kiesstrasse. Doch mit weicher, durchlässiger Birne (sprich Toleranz) ist auch dieses vermeintliche Hindernis kein Problem.

Manchmal ist es eben auch sehr wohltuend nicht ganz dicht zu sein!