10.05.2018: Geschichten wie bei Stiller Haas oder alles roger
Da erlebe ich auf dem Weg zur Fortbildung nach Bern im Zug mein blaues Wunder. Zwei Punks mit ebenso vielen Hunden haben es sich im Abteil gemütlich gemacht. Ich wundere mich noch kurz, warum die Plätze rund herum frei sind, setze mich dann aber im nächsten Abteil hin und mache es mir pendlerbequem. Kurze Zeit später werde ich durch überlaute Musik aus meinen blauäugigen Tagträumereien gerissen. Ich kann die aufgebrachte ältere Frau und das Kind, welches mit peinlich-verstörtem, angstentsetztem Gesicht seinen Vater an der Hand fortreisst, noch irgendwie verstehen. Mir mit meinem „Überland“ von Max Lässer in den Ohren kann dies ja noch irgendwie egal sein, ich träume immer noch. Halb entkleidet mit viel zu viel Bier intus fallen sie nun übereinander her. Oh je, diese Rammelei geht nun doch etwas zu weit. Als die Frau sich ihres Höschens entledigt und im Abteil nebenan auf den Boden pinkelt, wähne ich mich im Alptraum und flüchte in den nächsten Wagen. Auch die Soldaten im Tarnanzug flüchten verstört vor dieser alkoholzigarettenrauchverpissten surealen Punkszene.
Szenenwechsel: Skitour zum Wissmeilen. Für die Abfahrt vom Gipfelhang haben mein Bruder und ich noch gute Sicht. Wir entschliessen uns, nochmals aufzusteigen und über den Grat richtung Magerrain zu einem ideal geneigten Pulverschneehang zu gelangen. Die letzten Meter zum Grat sind ausgeblasen, eisig und besser mit geschulterten Skis zu bewältigen. Hoppla, unverhofft finde ich mich eine Etage tiefer mit freibaumelnden Beinen über einer dunklen Felsspalte. Zum Glück bin ich mit meinen Oberarmen an den Seitenwänden hängen geblieben. Schneeabklopfen – nichts passiert. Den Genuss der Pulverschneeabfahrt schmälert dann der mitlerweile aufgezogene Nebel.
Frühmorgens, ich schlürfe meinen Kaffee – wenn ich denn könnte: ja nicht zuviel Lärm, meine Frau mag’s nicht. Meine jüngere Tochter macht sich auch aus den Federn, zupft hier was, packt dort was in den mitten in der Diele zufällig am Vorabend platzierten Rucksack und macht sich dann auf den Weg zum Bus, dachte ich. Beim Blick durch das Fenster sehe ich sie später auf dem letzten Zack zum Bus rennen. Gestohlen hat sie es nicht. Ich finde es nämlich auch unnötig, lange auf dem Perron herumzustehen. Entsprechend knapp ist mein Zeitfenster von der Haustüre zum Bahnhof, so dass ich auch schon wegen unerwarteter Schneemassen auf der Strasse sozusagen mit dem Velo unter dem Arm zum Bahnhof rennen musste.
Wenigstens würde ich jetzt die Rücklichter des Zuges scharf sehen mit meiner neu erstandenen Gleitsichtbrille. So kann ich mit offenen Augen und scharfen Blickes durch die Alltagsbegebenheiten und –geschichten wandeln.