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09.09.2017: Sammler und Jäger
 
Es stimmt eben doch, wir haben uns noch mehr als wir meinen von unseren Urahnen erhalten. Zwar streifen wir nicht mehr durchs Unterholz auf Nahrungssuche, ausser vielleicht wie in diesen Zeiten ein paar fiebrige Jäger in der Hoffnung, etwas Erlegbares vor die Flinte zu bekommen. Aber auch da gibt es klare Regeln, was wann, wie und wo geschossen werden darf. Von der Wildheit ist nicht mehr viel übrig und heisst jetzt eben Wildhut. Als Otto-Normalverbraucher kommt mir der Gang durch die Gestelle im Supermarkt zwar oft auch als Jagd vor. Um dem Ganzen noch mehr Spannung und Dramatik zu verleihen, stellen die Geschäftsleiter das Einkaufslabyrinth in regelmässigen Abständen um. Die an sich schon knifflige Aufgabe, die Notizen auf dem Einkaufszettel möglichst mit dem Inhalt im Warenkorb in Einklang zu bringen, wird zusätzlich erschwert und montiert ungewollt gleich noch ein paar zusätzliche Schweissperlen auf meiner vom verzweifelten Suchen gerunzelten Stirn.

Da lob ich mir dann doch die beinahe kontemplative Tätigkeit des Sammelns; bildlich gesehen die bezaubernde Leichtigkeit des Schmetterlings beim Nektarsammeln von Blüte zu Blüte. Gut, einige werden jetzt einwenden der sei flatterhaft. Aber bei weitem noch besser als das verbissene Sammeln von Panini- oder „weiss-ich-was-für-Bildchen“ mit zum Schluss einem Megagigasuperplusjoker. Dann fallen die gestressten Mütter und Väter in Horden ins Einkaufscenter ein und lassen mir als unwissend Hereintrampelndem gleich nochmals ein paar weitere Schweissperlen in die Schweissrinnen kullern. Ein kleines Bächlein entsteht und sammelt sich unangenehm im Hosenbund und in der Magengrube.

Nein, ich meine eigentlich das lockere Sammeln von Eindrücken, Erfahrungen, Erlebnissen, Begebenheiten, Begegnungen, Bildern, Biketouren, gefahrenen Kilometern, erklommenen Gipfeln, überwundenen Höhenmetern, gemachten Schritten und und und… - zum Glück kein Stress, denn es gibt ja für alles das passende, gesundheitsförderungvorgaukelnde Gadget – brave new world!

Und trotzdem hat der Spruch meines ehemaligen Englischlehrers etwas Wahres: „wenn ihr nicht werdet Sammler und Jäger, wird es euch nie gelingen, die Dummheit in die Ecke zu stellen“.

In diesem Sinne sammle ich munter weiter, immer in der Hoffnung, nicht zu verblöden.