20.12.2019: Holzmärchen oder Baumschule im Alpenraum
Auf einer Ackerwiese zwischen den beiden Waldgürteln Grossholz und Kleinholz wohnte ein Lausbub – zumindest wurde dies ihm so erzählt, er selbst kannte sich nicht anders. Nur manchmal hörte er ihm wohlgesinnte Leute erzählen, dass er eben doch aus demselben knorrigen Bergholz geschnitzt sei, wie seine Vorfahren. Da konnte er sich noch schwach erinnern, dass seinerzeit ein Steinwurf vom Hof entfernt ein alter verdorrter Baum stand – wahrscheinlich ein Apfelbaum. Ja, ein Apfelbaum muss es gewesen sein, denn andere Leute hörte er zuweilen tuscheln, der Apfel falle nicht weit vom Stamm. Damals war er sich dessen noch nicht so bewusst. Er war ja noch so grün hinter den Ohren, welche angeblich abstanden. Er meinte eher, dass dies davon herrührte, dass seine Haare immer recht kurz geschoren wurden. Eigentlich war es ihm aber ja egal, was andere Holzköpfe meinten, auch diejenigen über den Wäldern in der Desertina. Die brauchten ihre Bretter nicht nur zum Bauen der Häuser. Nein, einige hatten auch Bretter vor ihren Köpfen. Aber es musste zumindest Klangholz sein, denn singen konnten sie. Bisweilen sangen sie ihm jedoch die Ohren voll. Das war dann nicht mehr so romantisch und ging ihm tüchtig auf den Sack.
Sei‘s drum. Es wurde jetzt langsam Zeit, die vertraute Umgebung zu verlassen und Neuland zu entdecken. Auf seinen Wanderungen kam er an manch kleineren und grösseren Stadt vorbei. Er fühlte sich jedoch nie so richtig heimisch dort. Wahrscheinlich lag dies an der Bauweise – zu viel grauer Beton, zu wenig Wald, Wiesen und Felder; anstelle von Bergen und Tälern nur Strassenschluchten. Vielleicht war es auch blos das Unbekannte, das ihm so bedrohlich und herzlos vorkam. Er fand jedoch die Leute oft ernst, gehetzt, den gleichen Strömungen folgend wie Schwemmholz. Aus Schwemmholz konnten zwar bisweilen auch schöne Formen entstehen, vorerst war es aber schwer, träge und schwer zu entflammen. Er jedoch liebte die Freiheit, das Unerwartete, Unkonventionelle. Auch wenn dabei manchmal die Fetzen flogen – wo gehobelt wird, fliegen Späne.
Aber auch er hatte die eine oder andere, schwer entflammbare Seite. In Beziehungssachen war er ein absoluter Spätzünder. Das lag wohl einerseits an seiner Schüchternheit. Vielleicht hatte er aber auch einfach nur das Bild des mittelalterlichen Minnesängers zu fest verinnerlicht, weil es ihm seinerzeit so anschaulich und mit Innbrunst nahegebracht wurde, von einem Lehrer namens Ineichen. Jedenfalls traf sein Blick unverhofft ein holdes Fräulein, als er dabei war, Geld für ein weiteres Abenteuer zu verdienen. Dass sie nicht so viel Holz vor der Hütte hatte, störte ihn keineswegs. Es waren andere, innere Qualitäten, die sein Herz zum Lodern brachten. Natürlich hatte er seine helle Freude daran, dass sie so bereitwillig bei den zugegebenermassen nicht immer ganz durchdachten Abenteuern mitmachte. Mehr als einmal waren sie auf dem Holzweg, waren aber zuversichtlich, dass das Holz als Brücken über andere Hindernisse oder als wärmendes Feuer in der Not dienen würde.
So versuchten sie auch, diesen Idealismus ihren Kindern mitzugeben, dass sie den Wald immer als eine Gemeinschaft vieler Bäume wahrnahmen, den Bogen im Leben nicht überspannten und bei ihren Leisten blieben, damit ihrem Lebensbaum so mancher Jahrring hinzugefügt werde ohne grösseren Kerben im Holz. Feinwüchsiges Holz eben, das die Seele zum Klingen bringt.